{"id":2361,"date":"2015-06-04T12:48:01","date_gmt":"2015-06-04T10:48:01","guid":{"rendered":"http:\/\/localhost\/wordpress\/de\/?p=2361"},"modified":"2023-06-03T19:24:09","modified_gmt":"2023-06-03T17:24:09","slug":"mit-null-wind-nach-oben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/horvath.ch\/de\/mit-null-wind-nach-oben\/","title":{"rendered":"Mit Null Wind nach oben"},"content":{"rendered":"Ulrike Hark, Tages-Anzeiger Z\u00fcrich \u2013 Kultur &amp; Gesellschaft\r\n\r\n<hr class=\"double\" \/>\r\n<p class=\"y quote\">Die Drachen von Thomas Horvath machen gl\u00fccklich: Seine superleichten Hightechflieger brauchen nicht mal ein L\u00fcftchen, um zu steigen.<\/p>\r\n&nbsp;\r\n<p class=\"y\">Der kleine wendige Weisse ist derzeit Horvaths Liebster: Er heisst I\u2019ll Be Back, wie der ber\u00fchmte Spruch von \u00abTerminator\u00bb Arnold Schwarzenegger. Allein die Namensgebung der Drachen \u2013 der gr\u00f6sste heisst Long Way Home \u2013 deutet an, dass Thomas Horvath nicht nur ein T\u00fcftler ist, sondern auch ein eigenwilliger Typ.<\/p>\r\n<p class=\"y\">Er empf\u00e4ngt uns, die langen Haare zu einem \u00abB\u00fc\u00fcrzi\u00bb gebunden, in der \u00dcberbauung James in Altstetten. Auf dem Weg zum Atelier klopft er beherzt an die bunten W\u00e4nde im Treppenhaus und meint: \u00abBeton streicht man einfach nicht farbig an!\u00bb Diese Gestaltungss\u00fcnde st\u00f6rt ihn jedes Mal, wenn er hier vorbeikommt \u2013 obwohl, Architektur macht der studierte ETH-Architekt bereits seit einigen Jahren nicht mehr, \u00abmit den Bauherren war es immer etwas schwierig\u00bb, meint er, und man hat keine M\u00fche, es ihm zu glauben.<\/p>\r\n<p class=\"y\">Mit seinen Drachen ist das ganz anders, das ist eine Herzensangelegenheit. Schon w\u00e4hrend des Studiums hatte er grosses Interesse an leichten Strukturen. \u00abIch wusste immer, dass ich eines Tages Drachen entwickeln w\u00fcrde\u00bb, sagt der 53-J\u00e4hrige. Der ber\u00fchmte amerikanische Konstrukteur Buckminster Fuller war ihm mit seinem Tensegrity-Prinzip ein Vorbild. Der Clou: Die Einzelteile sind nicht fest, sondern durch Zugelemente miteinander verbunden und bilden eine gespannte Einheit. So werden elastische, stabile Gebilde m\u00f6glich: Geb\u00e4udehallen etwa \u2013 und auch Drachen.<\/p>\r\n\r\n<section class=\"m\">\r\n\r\n<figure style=\"width: 560px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"\/wp-content\/uploads\/nullwind-nach-oben.jpg\" alt=\"Thomas Horvath mit einem Drachen in Fl\u00fcgelform.\" width=\"560\" height=\"430\" \/><figcaption class=\"wp-caption-text\">Flugvorbereitung in Z\u00fcrich-Altstetten: Thomas Horvaths Drachen sind speziell f\u00fcr die Stadt geeignet. Foto: Sabina Bobst<\/figcaption><\/figure>\r\n\r\n<\/section>\r\n<p class=\"y\">Anfang der 90er-Jahre, als Horvath noch als Architekt und Industriedesigner arbeitete, fing die Leidenschaft an, sich zur Profession zu entwickeln. \u00abImmer abends, wenn ich Zeit hatte, war der Wind weg\u00bb, erinnert er sich. Das hat ihn so ge\u00e4rgert, dass er sich schwor: Du baust einen Nullwinddrachen. Irgendwie muss das gehen!<\/p>\r\n<p class=\"y\">Die 90er-Jahre waren auch die Zeit hoch entwickelter Lenkdrachen, das Kiten wurde Mode. Doch diese Powerflieger haben zwei Leinen, und sie brauchen Wind, der Auftrieb gibt. Horvaths Hightechkreationen haben das nicht n\u00f6tig. \u00abIch will nicht prahlen\u00bb, sagt er, \u00ababer ich habe etwas v\u00f6llig Neues entwickelt.\u00bb Die Tatsache, dass viele Kopien seiner Drachen in der ganzen Welt herumschweben, gibt ihm recht.<\/p>\r\n\r\n<h2 class=\"press\">Der Drachen kann \u00abatmen\u00bb<\/h2>\r\n<p class=\"y\">Behutsam legt Horvath seinen Liebling, I\u2019ll Be Back, im Atelier auf den Boden. Zupft kurz an der Leine, dass er steil nach oben steigt \u2013 und siehe da, er steht \u00fcber unseren K\u00f6pfen unter der Decke. Kaum verliert er an H\u00f6he, reicht ein minimer Impuls, eine leichte Verk\u00fcrzung der Leine \u2013 und schon schwebt er wieder.<\/p>\r\n<p class=\"y\">Wie ist das m\u00f6glich? Weshalb f\u00e4llt er in einem geschlossenen Raum nicht herunter?<\/p>\r\n<p class=\"y\">Horvath schmunzelt, seine Flieger sind stark von der Flugtechnik und der Aerodynamik der V\u00f6gel inspiriert. \u00abGanz entscheidend ist das Verh\u00e4ltnis von Gr\u00f6sse und Gewicht\u00bb, sagt er. Long Way Home etwa hat eine Spannweite von 2,76 Metern und wiegt gerade mal 114 Gramm. Kommt hinzu, dass die rund 50 Einzelteile aus hoch technisierten Materialien bestehen.<\/p>\r\n<p class=\"y\">Das Ger\u00fcst etwa ist aus ultraleichten, konischen Karbonr\u00f6hrchen, das macht sie bei aller Leichtigkeit noch stabiler. Das Kernst\u00fcck ist die Spreize aus Karbon, sie spannt sich von einer Fl\u00fcgelkante zur andern, doch Spreize und Kante ber\u00fchren sich nicht. Der Drachen kann also \u00abein- und ausatmen\u00bb, geringste L\u00fcftchen nutzen. Die ganze Konstruktion hat Spannung (Tension), und die einzelnen Teile sind \u00fcber d\u00fcnne, aber extrem belastbare Kunststoffschn\u00fcre miteinander verbunden (Integrity) \u2013 Tensegrity eben.<\/p>\r\n<p class=\"y\">Wenn man das taillierte Segel aus speziell beschichtetem Polyestergewebe zwischen die Finger nimmt, ist es nicht mehr als ein sich manifestierender Hauch. \u00abDas t\u00e4uscht\u00bb, sagt Horvath, \u00abes reisst auch bei st\u00e4rksten Belastungen nicht.\u00bb<\/p>\r\n<p class=\"y\">Von seinen Kreationen spricht er, als seien sie Freunde, Kameraden: \u00abIch kann sie direkt ansprechen.\u00bb Das heisst, dass sie auf ihn h\u00f6ren \u2013 auf dem Parkplatz, im engen Hinterhof. In einer schnellen und dichten Stadt wie Z\u00fcrich ebenso wie auf der Furkapassh\u00f6he oder \u00fcber der Chinesischen Mauer, wo er seine Gebilde auch schon Loopings drehen liess.<\/p>\r\n<p class=\"y\">Heute findet die Vorf\u00fchrung auf dem leicht verwilderten St\u00fcck Wiesland zwischen den H\u00e4usern statt. Horvath liebt die schmale Brache, die bei der Planung der Siedlung mit Absicht so angelegt wurde und der Szenerie etwas Charmant-Provisorisches gibt. Rasch steigt der schnittige Gr\u00fcne an der Leine auf. Diese ist in h\u00f6chstem Masse unelastisch, damit jedes noch so leise \u00abAnsprechen\u00bb beim Drachen ein Maximum an Wirkung zeitigt. Allen Erkl\u00e4rungen \u00fcber Materialien und Konstruktion zum Trotz \u2013 es bleibt etwas Unerkl\u00e4rliches zur\u00fcck, wenn der Gr\u00fcne ohne Wind \u00fcber uns steht. Ein kleines Wunder, Bild f\u00fcr das perfekte Gleichgewicht.<\/p>\r\n\r\n<h2 class=\"press\">Kunden in der ganzen Welt<\/h2>\r\n<p class=\"y\">Dieser Flow ist f\u00fcr Horvath auch eine Lebenseinstellung: \u00abIch versuche, ihn im Alltag zu leben\u00bb, sagt er. Viele Menschen sehen Kiten als Sport, doch damit hat Horvath nichts am Hut. Obwohl selber von eher starker Postur, sch\u00e4tzt er das Spielerische \u2013 und die Gelassenheit. Nur drei Drachen baut er pro Tag, obwohl er locker einen Mitarbeiter anstellen und ein Mehrfaches verkaufen k\u00f6nnte.<\/p>\r\n<p class=\"y\">13 Modelle mit unterschiedlichem Flugverhalten gibt es derzeit, die Preise liegen um die 400 Franken. Seit rund vier Jahren kann Horvath von seinem Drachen-Labor leben. Kunden hat er inzwischen in der ganzen Welt, vor allem in Deutschland, Spanien, in den USA und nat\u00fcrlich in der Schweiz; die meisten bestellen ihren Wunschdrachen online. \u00abDie Schweiz ist punkto Drachenfliegen leider im R\u00fcckstand\u00bb, sagt er, \u00abvermutlich liegt das an der alpinen Topografie.\u00bb<\/p>\r\n<p class=\"y ultra-big\">leicht mobil agil<\/p>\r\n<p class=\"y\">Zu Beginn stand er noch fast t\u00e4glich mit Schere und Kleber draussen auf der Wiese und probierte an seinen Prototypen herum, bis die Spannung stimmte; bis zum ersten Serienmodell vor zehn Jahren hat er sicher mehr als hundert Prototypen gebaut. Drachendesign ist eben auch Forschung. \u00abUnd eigentlich das Gegenteil von Architektur\u00bb, findet er. \u00abArchitektur ist fest, schwer, f\u00fcr eine kleine Ewigkeit gebaut \u2013 und die Baustelle ist dreckig\u00bb, lacht er. \u00abDrachen dagegen sind leicht, mobil, agil, sauber.\u00bb<\/p>\r\n<p class=\"y\">Wir sind zur\u00fcck in seinem Einmannbetrieb, wo er tags\u00fcber schneidet, klebt, n\u00e4ht und faltet. Zum Schluss wird das Segel gerollt und alles in eine Kunststoffr\u00f6hre verpackt. Horvath steckt sich eine Zigi an, inhaliert tief und sagt: \u00abWenn ich die Drachen dann mit dem Velo zur Post gebracht habe, dann sp\u00fcre ich \u2013 es war ein guter Tag.\u00bb<\/p>\r\n&nbsp;\r\n<p class=\"y\">Freitag, 21. Februar 2014<\/p>","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ulrike Hark \u00a9 2014<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"class_list":["post-2361","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-press"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/horvath.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2361","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/horvath.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/horvath.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/horvath.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/horvath.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=2361"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/horvath.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/2361\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/horvath.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=2361"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/horvath.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=2361"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}