{"id":7206,"date":"2014-10-21T19:32:47","date_gmt":"2014-10-21T17:32:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.horvath.ch\/de\/?p=7206"},"modified":"2023-06-11T16:44:28","modified_gmt":"2023-06-11T14:44:28","slug":"innovationen-mit-charakter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/horvath.ch\/de\/drachen-innovationen\/","title":{"rendered":"Innovationen mit Charakter"},"content":{"rendered":"<div id=\"article-summary\">Herbst \u2013 Zeit f\u00fcrs Drachenfliegen. Doch was, wenn er so wenig Wind bringt wie der Sommer Sonne? Thomas Horvath weiss Rat.<\/div>\r\n<p class=\"y\">Er ist ein bisschen anders als die anderen. Die anderen lasen, als sie klein waren, \u00abMicky Maus\u00bb und \u00abDonald Duck\u00bb. Sein Liebling aber hiess \u00abHobby. Das Magazin der Technik\u00bb. Die anderen rannten nachmittagelang \u00fcber den Rasen, einem Ball hinterher. Er rannte \u00fcber Wiesen, \u00fcber ihm seine selbstgebastelten Segelflieger oder Spaceshuttles.<\/p>\r\n<p class=\"y\">Eines Tages, als er bereits erwachsen und Architekt in einem angesehenen B\u00fcro war, fing er an, sich f\u00fcr Drachen zu interessieren. Gleichgesinnte, die er an Drachenfesten im In- und Ausland traf, hatten wettergegerbte Gesichter und spr\u00f6de Lippen vom Wind. Seine Haut dagegen tr\u00e4gt keine solchen Spuren. Denn die Drachen, die er steigen l\u00e4sst, sind wie er: ein bisschen anders als die anderen. Seine Drachen brauchen keinen Wind. Sie fliegen in der Stadt, zwischen den H\u00e4usern und sogar drinnen in seinem \u00abDrachen-Labor\u00bb in Z\u00fcrich-Altstetten. Es sind \u00absynergetische Drachen\u00bb, wie er sie nennt, die ersten ihrer Art, erfunden von ihm, Thomas Horvath.<\/p>\r\n<p class=\"y\">Eigentlich hat der 54-J\u00e4hrige damit nur die Not zur Tugend gemacht: \u00abImmer wenn ich nach Feierabend auf die Wiese wollte, war der Wind, der den ganzen Tag geweht hatte, pl\u00f6tzlich weg\u00bb, erz\u00e4hlt er. Statt sich zu \u00e4rgern, tat er, was er ohnehin schon von Kindesbeinen an tut: Er begann zu t\u00fcfteln.<\/p>\r\n\r\n<section class=\"m\">\r\n\r\n<figure id=\"attachment_9807\" aria-describedby=\"caption-attachment-9807\" style=\"width: 1000px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-9807 size-full\" src=\"https:\/\/horvath.ch\/wp-content\/uploads\/drachen-schleuse-birsfelden.jpg\" alt=\"ein drachen in der schleuse basel birsfelden.\" width=\"1000\" height=\"1332\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-9807\" class=\"wp-caption-text\">de tomaso honey icarex edition in der Schleuse Basel Birsfelden. \u00a9 Ren\u00e9 Oehler<\/figcaption><\/figure>\r\n\r\n<\/section>\r\n<h2 class=\"press\">Fl\u00fcgge auch bei Windst\u00e4rke null<\/h2>\r\n<p class=\"y\">Er wollte einen Drachen bauen, der keinen Wind mehr braucht. Die richtigen Materialien, leicht und doch reissfest, die richtige Bauweise mussten gefunden werden. Und die richtigen Mittel, seine Drachen millimetergenau passend zusammenzubauen. Denn Leichtigkeit und Pr\u00e4zision sind das A und O, wenn so ein Ding mit einer Spannweite von bis zu 2,76 Metern bei null Wind fliegen soll. Horvath entwickelte eigene, computergesteuerte Verfahren, baute seine N\u00e4hmaschinen um, damit sie die d\u00fcnnen F\u00e4den und den ultraleichten Icarexstoff \u00fcberhaupt bew\u00e4ltigen konnten.<\/p>\r\n<p class=\"y\">In der Drachen-Szene, die stets an Neuem interessiert ist, machte sein Name schnell die Runde. Dort ist er heute bekannt wie ein bunter Hund. Auf einer Magerwiese am Waldrand von Altstetten testete er seine Drachen aus. Seine ersten Nullwindkreationen waren noch Lenkdrachen an zwei Leinen. \u00abMan musste viel rennen, es war Arbeit, sie ohne Wind in der Luft zu halten\u00bb, erz\u00e4hlt er. Der Idee, alles aufs Minimum zu reduzieren, konnte das nat\u00fcrlich nicht gerecht werden. Null Wind, null Stress, maximaler Spass \u2013 das war das Ziel.<\/p>\r\n<p class=\"y\">Mit seinem Dreitagebart, den halblangen, zusammengebundenen Haaren, dem breiten L\u00e4cheln wirkt er auch \u00e4usserlich eher wie ein Genussmensch, nicht wie einer, der gern Marathons rennt. Und so t\u00fcftelte er weiter, bis er den ersten Einleinerdrachen in der Hand hielt, der ohne Wind und Rennerei fliegt. Ein leichter Impuls an der Flugschnur gen\u00fcgt, und der Drachen steigt in die Luft.<\/p>\r\n\r\n<h2 class=\"press\">Nach Feierabend war der Wind weg<\/h2>\r\n<p class=\"y\">Schon als Architekt habe ihn alles interessiert, was leicht, schwebend und materialsparend ist, sagt er. Doch seinen angestammten Beruf h\u00e4ngte Horvath bald an den Nagel. F\u00fcr die Baustelle m\u00fcsse man geschaffen sein. Die Normen und Vorschriften, die st\u00e4ndigen Absprachen und Verz\u00f6gerungen, das dauernde Dreinreden von Leuten, die seine Ideen nicht verstehen wollten, das alles lag ihm nicht. \u00abVom idealen Produkt ist man auf dem Bau weit weg\u00bb, erkl\u00e4rt er. Er wandte sich dem Industriedesign zu \u2013 und dann investierte er auch beruflich in das, woran sein Herz am meisten hing: Er baute Nullwinddrachen.<\/p>\r\n<p class=\"y\">Seit einigen Jahren lebt er vom Verkauf seiner auch optisch minimalistisch gehaltenen Segler, die er alle eigenh\u00e4ndig fertigt, zwei bis drei pro Tag. Sie sind denn auch nicht ganz billig. Er liefert sie aus in schwarzen Kunststoffrohren, den Tubes, die er abends mit dem Velo und einem Gl\u00fccksgef\u00fchl zur Post bringt. Horvath hat mittlerweile ein gutes Dutzend Modelle im Angebot und einige Entw\u00fcrfe in der Schublade.<\/p>\r\n<p class=\"y\">Jedes der Modelle hat seinen eigenen Charakter. Der eine Drachen fliegt ruhig und schwebend, der andere bewegt sich verspielt und agil. Und jeder tr\u00e4gt einen Namen, der oft ironisch auf zeitgen\u00f6ssisches Kulturgut anspielt und zugleich seine jeweiligen Eigenschaften widerspiegelt. Der \u00abLong Way Home\u00bb, der gr\u00f6sste, benannt nach einem Song von Tom Waits, fliegt gern an einer besonders langen Leine. Der \u00abUrban Ninja\u00bb ist flink in der Luft wie ein Ninjak\u00e4mpfer auf dem Boden. Und der kleinste von allen heisst ironischerweise \u00abI\u2019ll Be Back\u00bb \u2013 so, wie es der Terminator anzuk\u00fcndigen pflegt.<\/p>\r\n<p class=\"y\">Eine ganze Modellserie hat Thomas Horvath \u00abDe Tomaso\u00bb getauft \u2013 zu Ehren des gleichnamigen Sportwagens, den er wegen seines breiten Hinterns und des V8-Motors als das \u00abpolitisch unkorrekteste Auto \u00fcberhaupt\u00bb bezeichnet. Zugleich war dieser Name aber ein politisch korrekter Kompromiss. \u00abDer Drachen sollte eigentlich \u2039Banlieue\u203a heissen. Er ist f\u00fcrs Ghetto gedacht, man darf ihn auch mal in den Asphalt fliegen oder an einer Hauskante vorbeischrammen lassen\u00bb, erkl\u00e4rt Horvath. Doch eben: Die Bezeichnung war ihm dann doch zu heiss, zumal in jener Zeit gerade die Jugendrevolte in den Pariser Banlieues aufflammte.<\/p>\r\n\r\n<h2 class=\"press\">Im Drachen-Labor herrscht Ordnung<\/h2>\r\n<p class=\"y\">Auch beim Entwerfen neuer Modelle \u00fcberl\u00e4sst der geb\u00fcrtige Luzerner, den das Studium und die baulichen M\u00f6glichkeiten nach Z\u00fcrich verschlugen, nichts dem Zufall. Er setzt sich nicht an die N\u00e4hmaschine und bastelt einfach drauflos. Zuerst ist da immer die Idee. Er \u00fcberlegt sich die Flugeigenschaften, die der Drachen haben soll, und welche Spannweite ideal ist. Dann gehts ans Suchen der Formen und Winkel, der optimalen Ausrichtung der Karbon-St\u00e4be und -Rohre, und stets soll ein solcher Drachen auch m\u00f6glichst effizient zu produzieren sein. Zwei Baupl\u00e4ne hat Horvath so zur Einfachheit perfektioniert, dass selbst gr\u00f6s\u00adsere Kinder und Jugendliche die Segler bauen k\u00f6nnen. \u00abOft begreifen sie schneller als Erwachsene, wie es geht\u00bb, sagt er.<\/p>\r\n<p class=\"y\">Genauso wie bei seinen Baupl\u00e4nen herrscht auch in Horvaths Drachen-Labor eine klare Ordnung. Kein kreatives Chaos, sondern aufger\u00e4umte Coolness voller Designklassiker erwartet den Besucher. Die Schubladen der Planschr\u00e4nke sind an\u00adgeschrieben \u2013 zumindest dort, wo es den \u00c4stheten Horvath nicht st\u00f6rt. Da und dort steht auch noch ein unfertiges Fahrrad herum. Denn das ist eine weitere Passion des T\u00fcftlers: Er baut eigene Velos, kombi\u00adniert dabei klassische Rahmen aus den Achzigern und Neunzigern mit neuster Tech\u00adnik. Er habe, so bekennt er, zu Hause kein Sofa. Stattdessen stehe in der Stube, die er mit seiner Partnerin teilt, eine Drehbank. Und kistenweise Rohmaterial.<\/p>\r\n\r\n\r\n<hr class=\"double\" \/>\r\n\r\nErschienen im Beobachter 20 | 2014","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Conny Schmid \u00a9 2014<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[7],"class_list":["post-7206","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-press"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/horvath.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7206","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/horvath.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/horvath.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/horvath.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/horvath.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=7206"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/horvath.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/7206\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/horvath.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=7206"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/horvath.ch\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=7206"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}